Eine Nase voller Moleküle
Warum lieben die einen Vanilleduft und die anderen nicht? Warum haben Frauen eine viel feinere Nase? Warum rufen Gerüche so intensive Erinnerungen hervor? Diese und weitere Fragen beantwortet der Bochumer Geruchsforscher Hanns Hatt im Interview mit der „informiert!“-Redaktion.
„informiert!“: Herr Hatt, wir sehen mit den Augen, tasten mit der Haut, hören mit den Ohren, schmecken mit der Zunge – ist die Nase zum Riechen nicht überflüssig?
Hatt: Ganz im Gegenteil. Ohne unseren Geruchssinn wären wir nur zu vier Geschmackswahrnehmungen fähig. Die Zunge kann nur bitter, salzig, sauer und süß unterscheiden. Den Rest besorgt die Nase. Und die hatte schon zu Beginn des Lebens auf der Erde eine der wichtigsten Aufgaben: Kommunikation. Das erste Leben fand tief unter Wasser statt, ohne Licht, ohne Töne. Lebewesen haben sich daher mittels chemischer Substanzen unterhalten. Auch später an Land wurden Duftmoleküle über große Distanzen hinweg getragen und halfen in der Tierwelt zum Beispiel bei der Partnersuche.
Hatte Riechen in der Vergangenheit auch die Funktion, menschliches Einzelgängerdasein zu beenden?
In erster Linie mussten die damaligen Menschen mit ihrer Nase Gefahren erkennen. Feuer zum Beispiel konnten sie viele Kilometer weit riechen und sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Zudem mussten sie über ihren Geruchssinn Nahrung finden und erkennen, ob sie genießbar oder schon verdorben war. Bei der Partnersuche spielt die Nase sogar heute noch eine Rolle, wenn auch eher bei Frauen.
Das heißt, bei Frauen geht Liebe durch die Nase?
Sie entscheiden zumindest stark danach, ob sie einen Mann riechen können oder nicht. Allerdings hängt das vom Hormonhaushalt ab. Schwangere oder Frauen, die die Pille nehmen – das simuliert ja eine Schwangerschaft –, entscheiden sich eher für den Mann, der ähnlich riecht wie sie selbst. Frauen, die gerade ihren Eisprung haben und zur Empfängnis bereit sind, wählen den, dessen Individualgeruch anders ist. Individualgeruch bei verschiedenen Menschen ist umso ähnlicher, je ähnlicher ihre Gene sind, so etwa bei Familienangehörigen. Männer benutzen das Merkmal Individualgeruch nicht bei ihrer Partnerwahl.
Woran liegt das?
An der Evolution: Fortpflanzung und Artenvielfalt. Deshalb sind Männer mit Blick auf potenzielle Partnerinnen nicht wählerisch. Frauen indes bringt die Evolution dazu, einen Mann für die Befruchtung zu wählen, der ihnen möglichst unähnlich ist. Sie tun das, um Inzucht zu vermeiden und eine möglichst ausgeprägte Neukombination durch Mischung der genetischen Informationen zu erreichen. Sind die Frauen aber schwanger, bevorzugen sie einen Partner mit ähnlichem Geruch. Dem können sie eher vertrauen, wie einem Familienmitglied. Das ist wichtig, denn Schwangere sind schutzbedürftig, weil sie die Verantwortung der Geburt und Aufzucht des Nachwuchses zu tragen haben.
Können Düfte auch noch weitere menschliche Verhaltensweisen beeinflussen?
Es gibt inzwischen Düfte, die nachweislich eine entspannende, aktivierende, angstlösende oder träumerische Wirkung haben. Zudem legen Studien den Einfluss von Düften nahe: Eine zum Beispiel hat gezeigt, dass Brotduft im Auto den Fahrer schneller ans Ziel steuern lässt, weil er Hunger bekommt. Für die Industrie ist dieses Gebiet demnach sehr interessant, zumal es lange Zeit kaum beachtet wurde.
Ausgewählte Gerüche können also gewisse Gefühle hervorrufen. Es heißt aber auch, dass ein einzelner Dufthauch intensive Erinnerungen aktivieren kann. Stimmt das?
Ja. Die Riechzellen in unserer Nase schicken Informationen über eine Nervenverbindung durch den Schädelknochen ins Riechzentrum des Gehirns. Von dort wandern sie durch eine Leitung in das limbische System, den Hippocampus. Das sind die ältesten Gehirnregionen, zuständig für Triebe, Gefühle und Erinnerungen. Daher kommt es, dass ein Geruch Erinnerungen auslösen kann, viel stärker als ein optischer oder akustischer Reiz. Das Riechen und das Erinnern an gewisse Situationen, in denen der Duft vorhanden war, sind also sozusagen per Standleitung direkt miteinander verbunden.
Hängt es auch mit Erinnerungen zusammen, dass einige Menschen einen Duft lieben und andere ihn sprichwörtlich nicht riechen können?
Ja. Mag man einen Duft gern, ist der meistens mit einer positiven Erfahrung verknüpft. Der Geruch von Brennholz zum Beispiel könnte an gemütliche Abende im trauten Familienkreis erinnern. Umgekehrt wird ein Betroffener den Duft nach dem After-Shave seines einstigen verhassten Lehrers wahrscheinlich niemals leiden können.
Es gibt aber auch Gerüche, die allgemein als unangenehm empfunden werden.
Das stimmt. Schweiß oder Fäule etwa zählen dazu. Ob eine Gemeinschaft von Menschen grundsätzlich einen Duft gut oder schlecht findet, ist aber kulturell bedingt oder anerzogen und hat nichts mit Genen zu tun. In anderen Kulturen zum Beispiel kann es sein, dass ein Duft gemocht wird, der hierzulande als ekelerregend gilt.
Auch ein vermeintlich angenehmer Duft kann Unwohlsein auslösen, wenn er sehr stark ist. Woran liegt das?
Eine zu hohe Konzentration von Duftmolekülen in der Nase reizt den sogenannten Nervus trigeminus im Gesicht. Dieser Schmerz- und Warnnerv reagiert mit einem Schutzmechanismus auf den starken Reiz und gibt dem Körper Signale, aus der Duftwolke zu verschwinden: Das können Übelkeit oder Kopfschmerzen sein.
Gibt es noch weitere Schutzmechanismen, die das Riechen betreffen?
Ja. Unsere Sinnesorgane schützen sich vor Reizüberflutung, indem sie ihre angesprochenen Zellen nach einigen Minuten abschalten. Nach einer Weile riecht man also zum Beispiel Parfum nicht mehr, weil die Riechzellen die Information nicht mehr ans Gehirn weitergeben. Das Gehirn ist ja bereits informiert, wozu also noch weiter reizen? Fürs Tasten, Sehen und Hören gilt dasselbe: Nach kurzer Zeit merkt der Körper nicht mehr, dass er zum Beispiel Pantoffeln an den Füßen trägt, ein stetes Brummen hört, dass seine Augen einer hellen Lichtquelle ausgesetzt sind. Er hat sich daran gewöhnt. Das bezieht sich aber immer nur auf den spezifischen Reiz. Der Rest der Zellen bleibt wachsam. Die Nase nimmt zum Beispiel das eine Parfum nicht mehr wahr, riecht jeden anderen Duft aber sofort.
Riechen Raucher wirklich schlechter als Nichtraucher?
Gesichert ist, dass Tabakrauch viele Riechzellen aktiviert und damit andere unterdrückt. Nach dem Rauchen riecht man also tatsächlich schlechter. Parfumeure zum Beispiel sind vertraglich dazu angehalten, nicht zu rauchen. Nach zwei Stunden Abstinenz kann aber auch ein Raucher schon wieder überwiegend normal riechen. Und nach vier Wochen regenerieren sich Riechzellen ohnehin komplett.
Warum sind viele Gerüche bei Wärme intensiver als bei Kälte?
Duftstoffe werden über sogenannten Dampfdruck in die Luft abgegeben. Bei Hitze erhöht sich die Anzahl der Duftmolekühle. Gefrorene Tomatensuppe zum Beispiel riecht nach nichts, aber je wärmer sie im Kochtopf wird, desto intensiver wird der Duft.
Stichwort Aromatherapie: Können Düfte auch heilen?
Zumindest beeinflussen Düfte die Befindlichkeit, können etwa beruhigen, harmonisieren, aktivieren. Die Moleküle gelangen beim Einatmen in die Lunge, von dort ins Blut, in den Körper, ins Gehirn. Kürzlich haben wir einen Duft aus Jasmin isoliert, der im Gehirn dieselben Wirkmechanismen wie Valium und sogar noch stärkere Effekte hat. Zudem gibt es Düfte, die gegen Pilze, Viren und Bakterien wirken, etwa bei Erkältungen. Was die Heilwirkung betrifft, stehen wir mit der Forschung noch weit am Anfang. Vor kurzem etwa haben wir herausgefunden, dass Veilchenduft das Wachstum von Prostatakarzinomzellen blockieren kann.
Weitere Informationen
Geruchssinn
Durch die Luft schweben permanent Duftmoleküle. Beim Atmen gelangen sie in die Nase. Von dort wandern sie zu den Riechzellen und docken an ihren passenden Rezeptor an – wie ein Schlüssel in sein Schloss passt. Zimtduft etwa erregt genau die Riechzellen, die den Zimtrezeptor tragen. Dadurch wird elektrischer Strom erzeugt. Der gelangt über die Nervenbahnen von der Zelle ins Riechhirn, das dann erfährt: Es duftet gerade nach Zimt.
Riechzellen
In der Nase gibt es rund 30 Millionen Riechzellen, eingeteilt in etwa 350 Typen. Rund hunderttausend Zellen sind für jeweils einen Duft zuständig, zum Beispiel Vanille oder Moschus. Die meisten natürlichen Düfte wie Schweiß, Kaffe oder Rosen sind Mischungen aus Duftstoffen und aktivieren deshalb entsprechend viele verschiedene Zelltypen. Sie erzeugen ein charakteristisches Duftmuster. Jeden Monat regenerieren sich die Riechzellen komplett. Mit dem Alter wird dieser Prozess jedoch schwächer, daher haben Menschen ab etwa 75 Jahren einen zunehmend reduzierten Geruchssinn.
Buchtipp
Hanns Hatt, Regine Dee: Niemand riecht so gut wie du: Die geheimen Botschaften der Düfte, Taschenbuch, erschienen im Januar 2010; Piper Verlag, 320 Seiten, ISBN: 9783492257473, 9,95 Euro.
Zur Person
Prof. Dr. Dr. Dr. med. habil. Hanns Hatt
Der 1947 geborene Bochumer gehört zu Deutschlands bekanntesten Geruchsforschern. Er lehrt an der Ruhr-Universität Bochum am Lehrstuhl für Zellphysiologie und sucht gemeinsam mit internationalen Kollegen nach neuen Erkenntnissen rund um das Riechen. Seit Januar ist er auch Präsident der NRW-Akademie der Wissenschaften und der Künste in Düsseldorf.
Neueste Erkenntnisse
Riechrezeptoren findet man nicht nur in der Nase, sondern beispielsweise auch in männlichen Spermien, haben dort allerdings andere Funktionen. Die Eizelle gibt einen Maiglöckchenduft ab, den die Spermien riechen können, wie das Forschungsteam um Hatt feststellte. In der Prostata fand es einige Jahre später einen Riechrezeptor für Veilchenduft. Verwenden lässt sich dieses Wissen in der Medizin, beispielsweise bei der Behandlung von Fruchtbarkeitsproblemen oder Prostatakarzinom.




